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Schlaflähmung: Gefangen im Albtraum

Halluzinationen und die Unfähigkeit, sich zu bewegen, machen Angst. Doch der Zustand, auch Schlafstarre oder Schlafparalyse genannt, ist nicht gefährlich und lässt sich leicht erklären

von Dr. Roland Mühlbauer, 11.09.2019
Schlaflos im Bett

Horrorfilm in der Traumphase: Eine Schlaflähmung kann sich anfühlen, als ob man lebendig begraben wäre


Sie war völlig übermüdet, als sie sich abends ins Bett legte. Stress und Schichtarbeit hatten die OP-Schwester erschöpft, trotzdem kreisten die Gedanken weiter bis in den Schlaf. Plötzlich wachte die Frau nachts wieder auf. Sie sah an die dunkle Zimmerdecke, wollte sich umdrehen. Doch Arme und Beine gehorchten ihr nicht. Auch ihre Atmung konnte sie nicht spüren. Panik. War sie querschnittsgelähmt? Würde sie jetzt ersticken?

Die Krankenschwester sah, wie sich ein Chirurg über sie beugte. Befand sie sich im OP? Als Patient? Der Arzt senkte sein Skalpell und schnitt in ihren Bauch. Der Schmerz fühlte sich furchtbar real an. Es dauerte Minuten, bis die Frau mit großer Willenskraft einen Finger beugen konnte – und der Schlaflähmung mit ihren quälenden Halluzinationen entkam.

Im Schlaf gelähmt

"Wer eine sogenannte Schlafpara­lyse erlebt hat, berichtet von Zuständen, wie man sie aus Gruselgeschichten von Edgar Allan Poe kennt. Es fühlt sich an, als ob man ­lebendig begraben wäre", erläutert Chefarzt Professor Geert Mayer, Leiter des Schlafzentrums der Hephata-­Klinik in Schwalmstadt-Treysa.

Prof. Geert Mayer: Experte für Schlafparalyse

Dabei ist die Störung, die vom Volksmund auch Hexendrücken genannt wird, nicht selten: Geschätzte acht Prozent der Bevölkerung haben sie schon erlebt, unter Studenten laut Umfragen sogar um die 30 Prozent. Denn Stress und wenig Schlaf er­höhen das Risiko. Zudem scheint das Gehirn in jungen Jahren anfälliger zu sein für außergewöhnliche Schlafphänomene. Beobachtungen an eineiigen Zwillingen zeigen auch, dass eine genetische Veranlagung eine Rolle spielt.

Was während einer solchen Para­lyse im Kopf geschieht, lässt sich ­vermutlich mit einer bestimmten Schlafphase erklären: Während der sogenannten REM-Phase (rapid eye movement) träumen wir, nur die ­Augenmuskeln sind aktiv. Die Nervenfasern dagegen, mit denen wir im Wachzustand unsere Bewegungen steuern, werden vom Gehirn gehemmt.

Wenn Teile des Gehirns schlafen

"Das ist auch richtig so. Es schützt uns davor, im REM-Schlaf unsere Träume auszuleben", sagt Professor Thomas Penzel vom Interdisziplinären Schlafmedizinischen Zentrum der Charité in Berlin.

Doch wer während einer REM-Phase zu Bewusstsein kommt, kann eine Schlaflähmung erleben, lautet eine These der Wissenschaft. Der für die Motorik zuständige Anteil des Gehirns schläft dann sozusagen noch.

Dazu kommt: Der unterschiedliche Aktivierungszustand verschiedener Hirnbereiche, eine sogenannte Dissoziation, kann zu Halluzinationen führen. Diese betreffen Gesehenes und Gehörtes sowie Berührungsempfinden und Schmerz.

Entspannter durch Aufklärung

Eine Schlaflähmung zu erleben ist mitunter so verstörend, dass die Betroffenen ärztlichen Rat suchen. "Am wichtigsten ist es dann, die Patienten aufzuklären, dass es sich um natürliche Vorgänge im Körper handelt", sagt Mediziner Penzel.

Wer sich bewusst macht, dass es vorübergehen wird und keine übersinnlichen Mächte im Spiel sind, kann entspannter bleiben und halluziniert weniger stark.

Manche Betroffene hätten große Angst, dass sie während der Schlaf­paralyse aufhören zu atmen oder das Herz nicht mehr weiterschlägt, so Penzel. "Aber diese Angst kann ich ihnen sofort nehmen, denn Atmung und Herzschlag funktionieren automatisch – auch während wir schlafen und träumen." Zudem kann es helfen, bestimmte Risikofaktoren zu vermeiden (siehe Kasten), um den Vorfällen vorzubeugen.

Teufelskreis unterbrechen

Patienten, die sehr häufig von einer Schlaflähmung ereilt werden und stark darunter leiden, gibt Experte Mayer versuchsweise ein bestimmtes, niedrig dosiertes Antidepressivum: "Das unterdrückt den REM-Schlaf."

Eventuell führen die nächtlichen Horrorerlebnisse auch zu einer Angststörung – die wiederum den Schlaf stört. "Dann kann eine Psychotherapie angebracht sein", sagt Mayer. Damit wird der Teufelskreis aus Angst und Paralyse durchbrochen.

Risiko senken

Das können Betroffene tun, um Schlaflähmungen zu vermeiden oder ihre Anzahl zu verringern:

Schlafposition verändern Forscher vermuten, dass die Paralyse durch eine Rückenlage begünstigt wird. Besser auf der Seite oder auf dem Bauch im Bett liegen.

Auf Schlafhygiene achten Also möglichst alles vermeiden, was regelmäßige Wach- und Ruhephasen verhindert. Außerdem ausreichend schlafen und keinen oder nur wenig Alkohol trinken.

Entspannt bleiben Stress scheint Schlaflähmungen zu fördern. Um abends besser abzuschalten, können eventuell Meditation, Yoga oder feste Rituale helfen.